PRESS: Soldaten in Phallusform Ein Student hatte eine Phallus-Parade aus Gipssoldaten aufgestellt. Pazifistisch sollte diese sein – der Direktor des Instituts findet sie „unmoralisch“.

Source: TAZ, January. 2019

Bernhard Clasen

 

PRESS TEXT:

Ein Student hatte eine Phallus-Parade aus Gipssoldaten aufgestellt. Pazifistisch sollte diese sein – der Direktor des Instituts findet sie „unmoralisch“.

Lange stand die „Phallus-Parade“ nicht. Auch Wladimir Chartschenko, Dozent für graphisches Design, war auf die Ausstellung gestoßen. Und ihm gefiel gar nicht, was er vorfand. Kurzerhand zerstörte er das Kunstwerk, beschimpfte den Künstler, drohte ihm mit einer Einberufung zum Militär. Was er hier sehe, so erboste sich Chartschenko, sei eine Verunglimpung der ukrainischen Armee.

Er selbst sei neun Monate an der Front gewesen. Er werde alles tun, dass Spartak Chatschanow aus der Akademie entlassen werde. Chatschanow sei kein Student, sondern ein Feind. Und der Rektor der Kunstakademie, Andrij Chebykin, hatte sofort den Inlandsgeheimdienst SBU von dem „unmoralischen Vorfall“ an seiner Akademie berichtet.

Diese Arbeit brachte dem Studenten Spartak Chatschanow die Exmatrikulation ein. Foto: Evgenij Waljuk

Gegen jeden Krieg

Bildhauer Spartak Chatschanow kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Er sehe sein Kunstwerk als antimilitaristisch. Er sei gegen alle Kriege. Und er habe nur zeigen wollen, dass Phallussymbole beim Militär und vor allem bei Militärparaden eine prägende Rolle spielen, überall auf der Welt. Mit seinem Werk habe er gegen die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft ein Zeichen setzen wollen.

Auch den Vorwurf, er sei prorussisch, so der Künstler, lasse er nicht gelten. Er habe sich an dem Maidan beteiligt, habe Unterstützerbriefe für den in Russland inhaftierten ukrainischen Regisseur Oleg Senzow geschrieben. Er wisse, was Krieg sei, komme selber aus dem Donbass. Sein Elternhaus sei bereits in den ersten Kriegstagen durch Raketenbeschuss schwer beschädigt worden.

Spartak Chatschanow hat durch seine Gipsfiguren nicht nur seinen Studienplatz verloren. Er hat Angst. Seit Bekanntwerden des Vorfalls erhält er Morddrohungen. Zehn Rechtsradikale der Gruppe „C14“ hatten die Akademie aufgesucht, „um mit mir spazieren zu gehen“. Nur durch ein beherztes Eingreifen von Elektrikern war ihm eine Flucht vor den Rechtsradikalen mit einem Taxi geglückt.

Doch Chatschanow hat auch Unterstützer. In einer Aktion trugen seine Kommilitionen einen Kranz mit schwarzen Schleifen und der Aufschrift „Kunst“ im Innenhof der Kunstakademie die Freiheit der Künste symbolisch zu Grabe. Direkt neben dem Kranz stand eine Flasche Wodka mit einer Scheibe Brot auf dem Flaschenhals – traditionell das Gedeck bei ukrainischen Beerdigungen für den Toten.

Nur pazifistisch

Spartak sei weder antiukrainisch noch unmoralisch, empört sich ein Mitstudent. Er sei einfach nur pazifistisch. Er könne sich jedenfalls noch gut an die Zeit erinnern, als Dozenten in Charkiw ihre Schüler zu Antimaidan-Demonstrationen aufgerufen hatten. Und damals hätte Spartak spontan die ukrainische Fahne hoch gehalten. Nur pasifistisch

Unterdessen machte der ukrainische Sender STB eine „schreckliche“ Entdeckung. Bei einem Rundgang durch das Gelände der Kunstakademie entdeckte eine Reporterin des Senders zahlreiche Statuen halbnackter Frauen und splitternackter Männer. Der moralische Niedergang der Kiewer Kunstakademie scheint unaufhaltsam voran zu schreiten.

SHARE:
Tweet This Share on Facebook Share on Google+ Share on Diaspora